Tauben sind Haustiere – wir stehen in der Verantwortung

Tauben sind Haustiere!

Stellungnahme zur Fütterung von Stadttauben (Columba livia forma domestica)

Columba livia forma domestica gilt als erstes Haustier des Menschen. Seit ca. 7000 Jahren werden die Vögel aus der Felsentaube Columba livia heraus domestiziert. Die als Haustauben bezeichneten Vögel wurden und werden weltweit aus Spaß an Wettbewerben, aber auch wegen ihres Fleisches, der Eier („das Huhn des kleinen Mannes“), ihrer Federn (Kissenfüllung) und sogar wegen ihres Kotes zur Düngerproduktion gehalten und gezüchtet.

Im Lauf der Jahrhunderte begann mit diesen Tauben auch die Zucht von Rasse- und Brieftauben. Im Zuge dieser Domestikation wurde Columba livia forma domestica nach rein menschlichen Vorstellungen vermehrt und unterliegt dadurch seit Jahrtausenden einer mehr oder weniger strengen Selektion auf Form, Größe, Leistungsfähigkeit, Gefieder etc., sowie Nahrungsanpassung, bzw. Nahrungsverwertung und Überlebensfähigkeit. Das speziestypische Haustaubenfutter besteht zivilisationsbedingt hauptsächlich aus (eröffneten) Hülsenfrüchten (beispielsweise Erbsen), Schoten (bspw. Rapssamen), Getreidekörnern (bspw. entspelzte Weizenkörner; Maiskörner, Reiskörner), sowie weiteren kleinen Mengen Samen (bspw. geschälte Sonnenblumenkerne; Leinsamen). Kleine Mengen an frischen Kräutern (Vogelmiere, Spitzwegerich, Löwenzahn) werden nebenbei gepickt. Tauben schlucken die Körner im Ganzen ab. Im Gegensatz zu einheimischen Wildtaubenarten können Haustauben keine Körner aus Ähren entspelzen und nehmen deshalb diese Nahrung im freien Feld praktisch nicht auf. 

An diese Art des Futterangebots, also der menschlichen Futterbereitstellung, sind die Tiere über Jahrhunderte hinweg, je nach Literatur und Gegend, auch seit Jahrtausenden angepasst worden. Im Muskelmagen werden diese ganzen Körner mit Hilfe von Steinchen, den sog. Gastrolithen, zermahlen und anschließend weiter verdaut. Zur Gesunderhaltung sind deshalb passende Kalk- und Steinchenkörner, sog. Grit, ebenfalls wichtig. Wildtauben suchen sich ihr Futter selbst. Columba livia forma domestica wurde dieses Verhalten weggezüchtet.

Haustauben haben eine strenge Bindung an den Ort ihres Großwerdens. Genau dieser Effekt wird bis heute in Wettbewerben genutzt, wenn die Vögel in großer Entfernung ausgesetzt werden. Sie streben sofort ihrem Heimatstandort entgegen und versuchen auch unter lebensbedrohlichen Umständen alles, um in ihren Schlag zurück zu kehren, bis hin zur totalen Erschöpfung. Diese genetische Veranlagung zur strengen Ortstreue ist in den Stadt-/Straßentauben und ihren Nachkommen zu finden. Wildtauben und Haustauben sind verschiedene Arten. Wildtauben zeigen ein anderes Verhalten und konnten und können nicht in Haustauben eingekreuzt werden. Stadttauben paaren sich auch in der freien Wildbahn nicht mit Wildtauben. Bei Freilandbeobachtungen werden Haustauben häufig mit Ringeltauben verwechselt und dadurch werden falsche Rückschlüsse auf das Futter-Verhalten von Haustauben gezogen. Diese Vermischungen des Verhaltens von Wildtauben mit Haustaubenverhalten ist häufig und ein Grund für Fehlinterpretationen des Verhaltens von Haustauben.

Freilebenden Stadt-/Straßentauben sind ohne Ausnahme entflogene Haustauben und als solche wissenschaftlich anerkannt.  Damit sind sie per Definition obdachlose Haustiere. Auch ihre Nachkommen gelten vor dem Gesetz als entflogene Haustauben, die zuvor nahezu ausschließlich die von Menschen angebotene Nahrung aufnahmen. Den Tieren ist die Anpassung an diese Art des Nahrungsangebots demnach menschengemacht angeboren. Eine genetische Verwilderung (Dedomestikation, Entdomestizierung) findet über kurze Zeitspannen nicht statt.

Die meisten Nahrungsmittel können, je nach Zusammensetzung, für Stadttauben keinen Ersatz darstellen. Nur die oben beschriebene Nahrung der Haustaube enthält die notwendigen Nährstoffe, die der Organismus zur Gesunderhaltung braucht.

Untersuchungen zeigen, dass die von Stadttauben aufgenommenen wenigen Ersatznahrungsmittel in Form von menschlichen Essensabfällen erhebliche Defizite bergen, die auf Dauer zu körperlichen Mangelzuständen führen, die mit erheblichen und anhaltendem Leiden verbunden sind. Die Mängel sind auf Dauer so erheblich, dass viele Tiere in Folge des (punktuellen) Substanzmangels „geschwächt“ sterben.

Zusätzlich findet man in Kröpfen und Mägen von Straßentauben Gegenständen, wie z. B. Kunststoff-, Glas-, Metallpartikel, Fäden oder Kaugummis, die sie ebenfalls abschlucken und nicht mehr hervorwürgen können. Diese Fremdkörper können zu Schleimhautverletzungen im Verdauungstrakt führen und täuschen außerdem eine falsche Füllung des Magens vor. Dadurch wird ein Nahrungsdefizit weiter verstärkt, weil die Tiere wegen der durch die Fremdkörper vorgegaukelten Magenfüllung nicht mehr ausreichend tatsächlich physiologisch zuträgliches, nahrhaftes Futter aufnehmen.

Toxische Substanzen wie z. B. Schwermetalle, ausgekipptes Putzwasser, Zigarettenkippen u.a. können, schon in kleinen Mengen aufgenommen, zu schleichenden Intoxikationen führen, die gleichfalls zu einem relativen (z.B. Protein- oder Vitaminmangel) und teils nur punktuellen Nahrungsmangel durch Stoffwechsel- und Verdauungsprobleme beitragen können. Weil Vögel Krankheitsanzeichen möglichst lange verbergen, sieht man ihnen ihre Leiden erst in weit fortgeschrittenen Stadien äußerlich an. Frierende Tauben stellen ihre Federn, sie plustern sich auf. Das wird häufig als „dicker“, also wohlgenährter Vogel fehlinterpretiert. Tatsächlich sind gerade diese Vögel besonders abgemagert und krank. Das aufgeplusterte Federkleid ist dann ein Zeichen für Frieren.

Fehl- und unterernährte Tiere entwickeln dauerhaft ein geschwächtes Immunsystem und sind damit anfälliger für Keimbefall und Erkrankungen, die wirtsspezifisch und deshalb nicht auf Menschen übertragbar sind. Mit gesunder, angepasster Ernährung wird sogar die Kotkonsistenz aus menschlicher Sicht verbessert, weil der Kot nicht mehr flüssig, sondern geformt gebildet und damit leichter von Oberflächen entfernbar wird.

Wenn Tiere an einen Futterplatz gewöhnt wurden, kann die Schließung der Futterstelle mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit insbesondere dann den Tod von Tieren verursachen, wenn weitere Faktoren wie z. B. Aufjagen (Vergrämung, Jagd, Sylvester) oder nachteilige Witterungsbedingungen (Kälte, Nässe, Wind) hinzukommen, weil diese durch einen forcierten Energieverbrauch einen erhöhten Nahrungsbedarf verursachen. Das Unterbinden der Fütterung von Haustauben, die an eine Futterstelle gewöhnt sind, ist tierschutzwidrig und in der kalten Jahreszeit als besonders tierschutzwidrig einzuschätzen.

Je nach Spezies haben Vögel nur Stunden bis Tage Zeit, um neue Futterquellen zu erschließen, bevor sie im Energiedefizit an Entkräftung sterben. Weil Vögel den größten Teil der Futterenergie zur Aufrechterhaltung der Körpertemperatur in Wärme umsetzen, haben sie ein besonders enges Zeitfenster, um neue Futterquellen zu entdecken. Insbesondere von Tauben ist auch nicht bekannt, dass sie im Winter auf eine Art „Notprogramm“ umstellen, wie z. B. Amseln.

Eine artgerechte Fütterung wie z. B. im Rahmen des „Augsburger Modells“, mit betreuten Futterplätzen, ist deshalb als einer der wichtigsten Bausteine für eine tierschutzgerechte, gesundheitsförderliche Bestandskontrolle zu werten. Futterentzug führt direkt und indirekt zu anhaltenden, schweren Leiden und Schäden der Tiere und widerspricht damit den Forderungen der Paragraphen 1 und 2 des Deutschen Tierschutzgesetzes und dem Artikel 20a Grundgesetz (Staatszielbestimmung Tierschutz).

Fazit:
Als Stadttauben bezeichnete Haustauben haben bis heute ihren Haustiercharakter erhalten. Andere Deutungen dienen häufig der Ablehnung von Verantwortung für diese Tiere, die nicht an ein Leben in freier Wildbahn adaptiert sind. Haustauben sind auf menschliche Unterstützung angewiesen. Eine Populationskontrolle über „Futtermangel“ wie bspw. die Schließung von Futterstellen ist mit großem Tierleid verbunden und aus rechtlichen und moralischen Gründen abzulehnen. Die örtlich zuständigen Behörden sind verpflichtet, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, damit Tiere, insbesondere Haustiere, nicht unnötig leiden. Fütterungsstellen und Eiertauschplätze, am besten in Taubenhäusern, sind nach neuesten Erkenntnissen die besten, langfristig effizientesten und tierschutzfreundlichsten Maßnahmen, um eine rechtskonforme Tauben-Bestandskontrolle durchzuführen. Solange diese Maßnahmen von Behördenseite nicht ergriffen werden, kann die Übernahme dieser Aufgaben von Privatpersonen gerade diesen Bürgerinnen und Bürgern nicht zum Vorwurf gemacht werden, denn sie sorgen für die Umsetzung des Tierschutzgesetzes.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. vet. Kirsten Tönnies

Die Stellungnahme kann hier auch als pdf heruntergeladen werden:
Stellungnahme Dr. Toennies zu Taubenfuetterung